GREXIT – das vergessene Insolvenzrecht?

GREXIT | Griechenland Euro Exit auf Tafel mit KreideDie Diskussion um Griechenland und die Zukunft des Euros hat in den letzten Wochen eine Dramatik erreicht,  die eher an eine verbale Kriegsführung als an ein Ringen um Lösungen erinnert. Sowohl bei manchen Politikern als auch bei einigen Journalisten und anderen Möchtegern-Publizisten drängen sich zwei Fragen auf:

  1. Was passiert bei diesen Menschen im Unterbewusstsein, wenn es um die „Schuldenfrage“ geht?
  2. Gibt es für europäische Länder eigentlich kein Insolvenzrecht?

Während wir in Deutschland  ein „Insolvenzrecht“ haben, das einen geordneten Neuanfang mit bestimmten Auflagen ermöglicht, scheint es dies im EURO-Land nicht zu geben.

Wie kann das sein?

Wurde das wohl vergessen  bei der Euro-Entwicklung?

Sicherlich ist es auch in unseren deutschen Breitengraden nicht unbedingt angenehm, Insolvenz anmelden zu müssen. Jede, die das mal mitgemacht oder in ihrer Familie erlebt hat, weiß was es bedeutet, ihre Schulden nicht mehr bezahlen können und Abbitte leisten zu müssen. Auch die Beziehung zum Haus-Banker verändert sich dramatisch. (Komisch eigentlich, wenn Banken insolvent sind, ist das irgendwie anders.)

Eine Frau mit offenen Rechnungen hat viele Schulden. Arbeitslosigkeit und Privatkonkurs
Eine Frau mit offenen Rechnungen hat viele Schulden. Arbeitslosigkeit und Privatkonkurs

Scham und Schuldgefühle, Existenzängste und Weltuntergangsstimmung sind sicherlich nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Gefühls-Potpourri.

 

Trotz alledem:  Das Leben geht weiter und es kann weiter gehen. Denn es gibt ein Insolvenzrecht. Das war nicht immer so in der Geschichte der Menschheit. Es gab auch schon Zeiten, da wurden Menschen geköpft, weil sie ihre Schulden nicht zurück zahlen konnten. Von daher ist das Insolvenzrecht schon ein großer Fortschritt .

Nur wurde ein ordentliches Insolvenzrecht bei der Euro-Erfindung leider wohl vergessen.  Eigentlich erstaunlich, denn der „Schuldenerlass“ wurde bereits in der Bibel erwähnt.  „Am Ende von sieben Jahren sollst du einen Schuldenerlass anordnen. …. Einen Fremden kannst du bedrängen; aber was du bei deinem Bruder [ausstehen] hast, das soll deine Hand erlassen.“

Ob gerade unsere christlich konservativen Politiker das in der Bibel übersehen haben?

Und dann das freche Auftreten dieser griechischen Politiker…… (Hatte sich nicht Aristoteles schon sehr kritisch über das Benehmen der Jugend geäußert? Zumindest aber über Geld.) Es wirkt schon ziemlich rebellisch, wie die beiden sich aufführen.

Nun ja, wenn das ganze Thema hinsichtlich seiner Bedeutung für die griechische Nation nicht so dramatisch wäre, könnte man es für eine Posse halten. Doch leider ist dem nicht so, denn Geld ist weitaus mehr als bloß ein technischer Standard, um mittels Münzen, Banknoten und elektronischen Systeme Tauschgeschäfte vornehmen zu können.

plant growth - business conceptGeld ist keine Ware und kein Wirtschaftsgut. Es wächst weder auf Bäumen noch vermehrt es sich auf wundersame Weise unter der Erde wie beispielsweise die Kartoffeln.

Das Wesen des Geldes ist seit seiner Entstehung bis heute immer der gewährte Kredit bzw. auf der anderen Seite die aufgenommenen  Schulden gewesen.

Durch die Übertragbarkeit der Schulden, also das Vertrauen darin, einen Gegenwert zu erhalten, werden Schulden zu Geld. Geld kann nur wachsen, wenn auch die Schulden wachsen. Da Geld heutzutage aus dem Nichts erschaffen wird, als sogenanntes „Fiat“-Geld müssen dabei logischerweise gewisse Vereinbarungen getroffen und Regeln festgelegt werden.

„Geld ist, eine soziale Technologie und Erfindung, um das Zusammenleben in menschlichen Gesellschaften zu vereinfachen.¹

kreditSo schreibt der britische Ökonom und Altphilologe Felix Martin. Wenn diese soziale Technologie nun aber nur den Einen das Zusammenleben vereinfacht, während sie den Anderen das Zusammenleben erschwert, könnte es durchaus sinnvoll sein, die Vereinbarungen zu erneuern oder zu ändern. Oder nicht?

Das Problem dabei ist jedoch, dass sich in einer sozialen Technologie immer auch bestimmte Projektionen wiederspiegeln. So wie jeder einzelne Mensch seine ganz bestimmten Projektionen auf Geld hat, wie  Macht, Sicherheit, Freiheit oder Unabhängigkeit, so können das auch ganze Nationen haben.

Für die einen ist Geld Macht und für die anderen ist es Sicherheit und Stabilität (und das soll dann gefälligst auch so bleiben). Für die dritte Fraktion steht Geld vielleicht eher für Freiheit. So ließe sich jedenfalls ein eher aufmüpfiges oder rebellisches Verhalten erklären.

Geschäftsmann steht vor leuchtendem Euro-Portal in einer Griechenland-WandAllein die Posen, Gestik, Mimik und Worte einzelner Politik sind dieser Tage spannender zu lesen als ein wirklich guter Thriller.

Und je nachdem, welche Projektion die Politikerinnen und Politiker die Berichterstatterinnen und Berichterstatter und die vielen Menschen dann so haben, lässt sich auch ihr Problem-Verhalten erklären, frei nach dem Motto:

Wenn du einen Hammer hast, sieht jedes Problem aus wie ein Nagel.

So fuchteln sie denn alle mit ihren Hämmern in der Luft, bloß die Probleme sind keine Nägel.

Vielleicht wäre es allerhöchste Zeit, dass Menschen sich mehr mit Ihren Projektionen, Glaubenssätzen und Einstellungen zum Thema Geld beschäftigen und vielleicht auch die eine oder andere dysfunktional Projektion auflösen, um wieder auf die Sach- und Problemlösungsebene zurück zu kehren.

Ob ich Ihnen mal ein Finanzcoaching anbieten sollte?

Ich hoffe, ich war heute nicht zu sarkastisch. Doch es steht viel auf dem Spiel.

Krise,-Ausweg---km
Krise,-Ausweg—km

Werden wir es noch rechtzeitig schaffen, auch den sozialen und den ökologischen Wert zu definieren so wie wir den ökonomischen Wert definiert und leider auch isoliert haben?

Wäre nicht gerade eine gemeinsame europäische Währung die größte Chance und vielleicht auch die letzte Chance, dies zu tun?

 

Herzlichst

eure/Ihre

Kornelia Rendigs

 

 

¹ Für alle die sich mit dem Wesen des Geldes ein bisschen besser vertraut machen möchten empfehle ich dies wirklich spannende Buch über die Geschichte des Geldes:

Felix Martin: Geld, die wahre Geschichte. Über den blinden Fleck des Kapitalismus

In Kurzform: http://www.deutschlandfunk.de/geschichte-des-kapitalismus-geld-als-soziale-technologie.1310.de.html?dram:article_id=291159

In sehr ähnlicher Weise äußert sich auch David Graeber in seinem Buch „Schulden: Die ersten 5000 Jahre“